Neue Serie

"Station Eleven": Mit Shakespeare durch die Post-Apokalypse

29.01.2022, 14.39 Uhr
von Julian Weinberger

Eine tödliche Grippe rottet 99 Prozent der Menschheit aus – doch Shakespeares Stücke leben weiter. Die Dramaserie "Station Eleven" entwirft ein etwas anderes Weltuntergangsszenario.

Was sich im Frühjahr 2020 in den Streaming-Charts vollzog, war kaum zu glauben. Während weltweit die Corona-Pandemie das öffentliche Leben vielerorts zum Erliegen brachte, sahen sich die Menschen ausgerechnet Seuchen-Filme an. Das sei auf die Suche nach "Orientierung und Trost zugleich" zurückzuführen, urteilte der renommierte Film- und Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger damals. Dass das Coronavirus heute, knapp zwei Jahre später, die Welt noch immer im Griff haben würde, war nicht absehbar. Angesichts der allgemeinen Pandemie-Müdigkeit drängt sich förmlich die Frage auf: Wer braucht ausgerechnet jetzt eine Serie wie "Station Eleven" (ab 30. Januar, Starzplay, wöchentlich eine neue Episode)?

Angesichts des hervorragenden Kritikerechos in den USA, wo die zehnteilige Produktion Mitte Dezember debütierte, ist man versucht zu antworten: Alle! Auf dem viel beachteten Kritikerportal "Rotten Tomates" schlägt das Tomatometer bei der Kritikerschaft auf rekordverdächtige 97 Prozent aus, ein Rezensent jubelte gar: "'Station Eleven' brachte mich dazu, in der Post-Apokalypse leben zu wollen."

In der Tat entwirft die Serie, die den gleichnamigen Buchbestseller von Emily St. John Mandel adaptiert, ein ganz und gar konträres Bild zu Weltuntergangsformaten wie "The Walking Dead" oder dem Seuchenthriller "Contagion". Alles beginnt mit einer Theateraufführung von "King Lear", bei der der Hauptdarsteller mit einer Herzattacke zusammenbricht. Einzig der ausgebildete Rettungssanitäter Jeevan ("Yesterday"-Star Himesh Patel) versucht zu helfen, wenn auch vergeblich. Mit der kleinen Nachwuchsschauspielerin Kirsten (Matilda Lawler) im Schlepptau macht er sich auf den Weg zu deren Eltern, um das Mädchen wohlbehalten zu Hause abzuliefern.

Doch dazu kommt es nicht. Jeevan erhält in der U-Bahn einen Anruf seiner Schwester, einer Krankenhausmitarbeiterin, die ihn vor einer tödlichen Pandemie warnt: "Wir haben nie eine Grippe wie diese gesehen, es ist chaotisch!" Er solle sich einschließen, jeden Kontakt vermeiden und Barrikaden errichten, so ihre drastische Warnung. Gesagt, getan: Nach einem Hamster-Einkauf im Supermarkt kommen Kirsten und Jeevan bei dessen Bruder Frank (Naabhan Rizwan) unter, wo sie die folgenden 80 Tage ausharren und den Wahnsinn – unter anderem stürzt ein Flugzeug vor ihnen in die Tiefe – von dem 47. Stock eines Hochhauses beobachten.

Dieser Weltuntergang ist anders

So weit klingt "Station Eleven" noch recht konventionell gestrickt. Doch plakative Szenarien wie der erwähnte Flugzeugabsturz oder Massenpaniken vor Krankenhäusern bleiben die absolute Ausnahme. Stattdessen springt die Serie in der Zeitachse um 20 Jahre vor, wo sich Kirsten (nun gespielt von Mackenzie Davis) der Theatergruppe "Travelling Symphony" angeschlossen hat. Die Mission der Truppe lautet, mit Shakespeare-Stücken durch das Land zu ziehen, um die spärlichen Siedlungen der Überlebenden mit Hochkultur zu beglücken. Wie die Gruppe zusammenfand, wie es Kirsten, Jeevan und anderen, neu auftretenden Protagonisten der Serie erging und ergeht, schlüsselt "Station Eleven" immer wieder in episodenhaften Einschüben auf.

Zurückgeworfen auf den prämodernen Stand ohne Smartphone, Digitalisierung und Kapitalismus besinnen sich die Menschen auf ihren Ursprung zurück. Solidarität und Freundschaft werden großgeschrieben, und rund um brennende Lagerfeuer werden Geschichten erzählt, Musik erfüllt die Umgebung und die "Travelling Symphony" frönt dem kulturellen Erbe einer längst vergangenen, goldenen Ära.

So positiv konnotiert wie in "Station Eleven" war der Weltuntergang wohl selten. Das weitgehende Ausbleiben von Konflikten (zumindest in den Auftaktfolgen) und der fast schon philosophische Ansatz, der bisweilen an Arthouse-Kino erinnert, mag so manchen Serienfan nach dem Erstkontakt mit der Serie zurückschrecken lassen. Auch wegen der Mystery-Anflüge, die sich mit fortlaufender Dauer breit machen und die unterschiedlichen Zeitebenen miteinander zu verknüpfen scheinen, ist "Station Eleven" mitnichten ein Massenprodukt.

Und doch gelingt der Serie ein wohltuender Gegenpol zur politischen Radikalisierung, zu eskalierenden Corona-Spaziergängen und Verschwörungstheoretikern in der realen Welt. Und das hat etwas Tröstendes, oder um in den Worten Shakespeares zu sprechen: Ein tiefer Fall führt oft zu höherem Glück.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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